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DESA-Kongress 2002 in Davos


Waren Sie schon einmal auf einem internationalen Kongress unseres Vereins?

Uns machte das vielfältige Programm, das die Besucher in der Schweiz erwartete, neugierig. Ganz besonders die Beiträge zum Thema Unterzuckerung ließen mich und meinen Mann nicht lange zögern, um dieses leidige Thema besser zu bewältigen oder zu verstehen. Und welche/r Partner/in ist hiervon nicht auch mitbetroffen? Verlockend waren die sportlichen Angebote an den Nachmittagen: Biketouren, Eislaufen im Sommer! Fußball (Italien gegen den Rest der Welt), Golf, Jogging, Nordic Walking (Kennen Sie noch nicht?, doch davon später), Schwimmen, Tennis, Wandern, Windsurfing.

Um es gleich vorwegzunehmen für alle die Leser, die einen Kongress trocken oder gar langweilig finden könnten: Dieser internationale Kongress der Diabetes Exercise and Sport Association (seit 2000 DESA und vormals IDAA) war sehr lebendig und locker. Durch die große bunte und internationale Schar der Besucher aus Kanada, USA, Israel, Kasachstan, Neu-Seeland, Finnland, Frankreich, Italien, Belgien, den Niederlanden, Deutschland und dem Gastgeberland Schweiz und deren große Aufgeschlossenheit fiel es uns leicht Kontakte zu knüpfen und uns untereinander auszutauschen.

Für Sekunden fühlte ich mich auf eine Kirmes entführt, als Andrew Farquhar, Kanada, selbst Pumpenträger, aber auch Mediziner und erfahrener Sportler, in seinem sehr ansprechenden und überzeugenden Vortrag "Vermeiden von Unterzuckerung während und nach körperlichen Aktivitäten" unseren Blutzucker mit einer Achterbahn verglich.Da sprach jemand aus eigener jahrelanger Erfahrung und beherrschte nicht nur eine Theorie, wenn er davon sprach, wie schwierig es sei, den Blutzucker in seine Schranken zu weisen. Dass der Blutzucker durch körperliche Aktivität sinkt oder besser sinken könnte, kann man überall nachlesen. Er sprach aber auch davon, dass der Blutzucker bei Sport ebenso steigen könne. Diese Erfahrung haben vielleicht einige von uns schon zur Genüge gemacht. Was ist also zu tun? Testen, testen, testen! So Andrew Farquhar. Je öfter man teste, desto bessere Kenntnis erhalte man über den eigenen Blutzucker, der natürlich auch abhängig vom individuellen Fitneßlevel sei. "Die Bauchspeicheldrüse eines gesunden Menschen kontrolliert den Blutzucker sekündlich, d.h. 3600 mal pro Tag!" Deshalb sein Plädoyer für eine sehr häufige Blutzuckerkontrolle, auch wenn manche Ärzte nur ein viermaliges Messen pro Tag vorschrieben, denn die Kontrolle sei der Schlüssel für eine gute Blutzuckereinstellung . "Denke wie die Bauchspeicheldrüse", d.h. "Maximiere die Kontrolle", damit das Risiko minimiert werde. Das sollte unser Ziel sein, denn je öfter man teste, desto besser gelinge es, eine Unterzuckerung zu vermeiden. Aber eine 100%ige Kontrolle wie die Bauchspeicheldrüse eines Gesunden sie ausübe, könne nie erreicht werden. Auch eine dreitägige konstante Blutzucker-Kontrolle hätte keine besseren Ergebnisse erbracht, als ein zehnmaliges Messen täglich. Etliche Sportler würden bereits 10-12 mal am Tag messen. Trotzdem wünschte er für die Zukunft ein noch mehrmaligeres tägliches Messen, nämlich bis zu 20 mal. Überhaupt sei es besser, k e i n e Unterzuckerung zu bekommen, denn schon vielen kleinen würden schwere folgen! Aber ein Rezept für Sport gebe es nicht. Sein Fazit lautete: "Wir sind sehr allein, 24 Stunden am Tag. Wir sind unser eigenes Experiment!"

Dieser Vortrag hat mich sehr ermutigt, mich weiterhin für mein häufiges Testen, auch den Ärzten gegenüber Einzusetzen. Denn wer, wenn nicht wir selbst, ist für uns und unser Wohlergehen - trotz Diabetes - verantwortlich? Andrew Farquhar: "Man muß selbst entscheiden, was gut für einen ist."

Apropos Hypos: Karin Hegar, Psychologin in der Schweiz, ebenfalls Pumpenträgerin, sprach von Erfahrungen mit dem BGAT (Blutglucose-Wahrnehmungstraining), das sie in der Schweiz durchführt. Ziele des BGAT sind, Menschen mit Diabetes zum Experten zu machen für den eigenen Blutzuckerspiegel. Symptome mehr und früher zu finden, kritische Situationen vorauszusehen und tiefe Blutzuckerwerte effizient zu behandeln, aber niedrige und hohe Werte zu vermeiden. Kassenärztlich sei das BGAT anerkannt, wenn es von Ärzten durchgeführt werde, wenn jedoch von Psychologen, dann u.U. nicht. Doch durchgeführt werden sollte es eigentlich von Psychologen, so die Empfehlungen der amerikanischen Initiatoren des Trainings. Ich denke, somit ist die Schweiz uns einen Schritt voraus, denn in Deutschland ist es z.Zt. nur in Schleswig-Holstein kassenärztlich anerkannt.

Über Sport und Diabetes wurde nicht nur referiert, sondern , wie schon erwähnt, Sport konnte nachmittags betrieben werden. Nordic Walking, ein noch effektiveres Walking, das in seiner heutigen Form Mitte der 90er Jahre von finnischen Profisportlern, Medizinern und von der Sportindustrie weiterentwickelt worden ist, wurde von Susi Schnüriger und Genevieve Grimm angeboten. Dabei handelt es sich um ein Gehen mit Spezialstöcken, das so zu einem Ganzkörpertraining führt. Durch das Nordic Walking werden Bauch-, Brust- und Armmuskulatur gezielt eingesetzt , gestärkt und trainiert. Das ist wichtig, weil sich ca. 50% aller Muskeln oberhalb der Hüfte befinden. Lt. dem kleinen Buch "Nordic Walking" von Urs Gerig handelt es sich ursprünglich um eine Form des Sommertrainings für Skilangläufer, das zu Beginn des letzten Jahrhundert in Finnland entwickelt wurde. Nun ich war begeistert von der Technik, denn ich spürte die angenehme Entlastung und zwar nicht nur beim Auf- und Abstieg, sondern auch auf horizontalem Gelände. Deshalb zeigte auch mein Mann schnell Interesse, als ich ihm von meiner neuen "sportlichen" Erfahrung berichtete. Und inzwischen sind wir beide Besitzer von Nordic Walkers geworden und freuen uns auf noch viele Wanderungen, die dann - trotz großer Intensität -mit einem höheren Entspannungseffekt verbunden sein werden.

Ob die Flammen des brillianten Vortrags von Peter Borchert durch die Simultanübersetzungen ins Englische und Französische immer rübersprangen? Peter Borchert jedenfalls wusste seine Zuhörer/innen zu fesseln und mitzureißen, wenn er Menschen mit Typ 2 Diabetes zu körperlicher Bewegung ermuntern wollte, immer von dem Ziel ausgehend, die Menschen dort abzuholen, wo sie in ihren augenblicklichen Bewegungsmöglichkeiten gerade standen. Dann könne körperliche Bewegung vielleicht Lust und Freude bereiten oder gar zu mehr sportlicher Aktivität ermuntern. Für Vorurteile fand ich absolut keinen Platz. Zwar meinte ich vorher, ein Vortrag Typ 2-Diabetes betreffend, könnte mir nichts bringen. Sein glänzender Vortrag ließ mich alle Bedenken vergessen. Er verstand es zu fesseln und mitzureißen.

Dass der Phantasie auch auf einem Kongress keine Grenzen gesetzt sind, bewies Judith Chwalow, Frankreich, die stimmungsvoll mit ihrer Gruppe mit unifarbigen Servietten in ihren Landesfarben und mit einer musikalisch begleitenden Polonnaise die Zuhörer/innen von ihren Stühlen rissen. Das ganze Auditorium geriet in Bewegung und sorgte für Begeisterung.

Mit Vorträgen, Seminaren und Sport allein erschöpfte sich der Kongress nicht. Für einen kulturellen Beitrag sorgten fünf junge Musiker/innen auf der Violine, Viola, Cello und Klarinette mit Musik von Mozart, Stravinsky und Brahms in der schlichten Kirche von Frauenkirch, die einen optimalen Rahmen und Genuß für dieses ausgezeichnete Konzert bot.

Das Organisationskomitee hatte großartiges geleistet! Unser ganz besonderer Dank geht an dieOrganisatoren und Sponsoren dieses Kongresses, die durch abwechselungsreiche Tagesabläufe den Aufenthalt sehr "schmackhaft" gestaltet haben: Dazubei trug nicht nur das umfangreiche Programm, sondern auch die ausgezeichnete Verpflegung, nicht nur in der Kongresshalle, sondern auch auf dem Empfang im Hotel Belvedere-Steigenberger.
Und das Abendessen auf dem Rinerhorn, wo eine Band stimmungsvolll viele begeisterte Tänzer/innen in ihren Bann zog. Den Abschluß des Kongresses bildete das ausgezeichnete Abschiedsessen im Berghotel Schatzalp, das für einige Kongressteilnehmer/in zu einem Höhepunkt ihrer Diabeteskarriere wurde, weil sie für besondere Leistungen ausgezeichnet wurden.

Auch ich als Begleiter meiner Frau in Sachen Diabetes war auf eine ganz besondere Art betroffen. Von Heilung war auf dem gesamten Kongress leider keine Rede... nicht einmal ein Ansatz zu dieser Möglichkeit. Schade! Welch ein wirtschaftlicher Wert geht von dieser Krankheit aus durch die große Anzahl und noch weiter steigende Zahl der Menschen mit der Autoimmunkrankheit Diabetes? Vielleicht wird ja der nächste Kongreß, der im Jahre 2004 in Italien stattfinden wird, das Thema Heilung beinhalten?!

Sehen wir uns dort? Bis dann!

Ilse und Werner Daedelow













































































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